OZ, Walter F., Walter

Straßenkünstler, Stadtgestalter, Graffiti-Opa, »Deutschlands schlimmster Schmierfink« – Bezeichnungen gibt und gab es für Walter F. alias OZ viele. Ein Versuch einer Annäherung


Ein »mittelgroßer Mann«. So haben ihn Zeugen immer wieder beschrieben. In diesem Moment jedoch ist fraglich, ob sie wirklich den Angeklagten gemeint haben können. Denn der ist gerade zum ersten Mal an diesem Tag aufgestanden im Raum 0.09 des Amtsgerichts Hamburg St. Georg. Hat sich erhoben wie ein Mann, der so lange an einer Haltestelle gewartet hat, dass er dem Bus, der jetzt um die Ecke biegt, nicht recht trauen mag. Hat sich dann leidlich gerade gemacht, die Hände im Schoß gefaltet und seinen Blick auf den Richter gelenkt. Rechts neben ihm stehen seine beiden Anwälte, links hat sich eine Handvoll Unterstützer von knarzenden Holzstühlen erhoben.

    In diesem Moment, in dem der Angeklagte darauf wartet, dass wieder einmal ein Gericht über ihn urteilt, da ist nichts Mittelgroßes an ihm. Da erscheint er klein und unscheinbar. Da wirkt Walter Josef F., als hätte er den Raum bereits verlassen. »Ein Mann, der mit unendlicher Zähigkeit und mit all seiner Energie gegen die eigene Bedeutungslosigkeit rebelliert«, hat DER SPIEGEL vor mehr als einem Jahrzehnt über ihn geschrieben. In solchen Momenten entstehen solche Sätze.

    Sie sind falsch.

    Der da steht, ist Walter F. alias OZ, 63 Jahre alt, Hamburgs zähster Graffiti-Sprüher. Beziehungsweise: »Deutschlands schlimmster Schmierfink«. So hat ihn die BILD-Zeitung bereits vor 15 Jahren genannt. Damals radelte er nachts durch die halbe Stadt und sprühte bunte Smileys und immer wieder sein prägnantes »O« mit dem »Z« und dem Punkt dahinter, aus dem die Presse schnell seinen Künstlernamen formt: OZ. Rund 120.000 Mal soll OZ damals Hauswände, Brückenpfeiler, Ampelmasten oder Verteilerkästen in Hamburg besprüht haben – niemand weiß heute noch, von wem diese Zahl stammt, aber es geht auch niemand davon aus, dass wirklich jemand gezählt hat.

    Doch die Zahl hat ihre Wirkung: Die Stadt gründet sogar eine Sonderkommission, die Walter F. und seinen Kollegen auflauern oder hinterher hetzen soll, die »Einsatzgruppe Graffiti«. »Richter Gnadenlos« Ronald Schill macht auf F.s Kosten Politik, bevor die Hamburger den Populisten zum Zweiten Bürgermeister und Innensenator machen. Immer wieder wird Walter F. ins Gefängnis geworfen. Wenn er draußen ist, sprüht er weiter. Immer wieder wird er aufgegriffen und immer wieder von S- und U-Bahn-Wachen verprügelt – einmal überlebt er schwerverletzt im Krankenhaus. Viele Jahre später dann: die erste Ausstellung mit seinem Werk. 2009 besprüht OZ zum ersten Mal Leinwände in einer Galerie. Innen neue Farben und Muster, draußen die übliche Reaktion sowohl bei der BILD-Zeitung und dem Hamburger Abendblatt als auch bei seinen Sympathisanten, bei Sprayern, Urban-Artists und den jungen Ultra-Fans des FC St. Pauli. Zwei Jahrzehnte OZ: eine starrsinnig oszillierende Karriere.


    Walter F. trägt einen Schnurrbart unter roten, sauber nach hinten gewellten Haaren, dazwischen blicken zwei graublaue Augen aufmerksam um sich, die er oft reibt, vielleicht vertragen sie die Luft hier im Gericht nicht. Am Hals ragt ein grüner Hemdkragen unter einem grünen Pullover hervor, darunter, auf Höhe der Tischkante, beginnt eine gut genutzte Blue Jeans. Er trägt schwarze Schuhe, die schon viel herumgekommen sind. Später, nach dem Urteil, vor dem Gerichtsgebäude, wird er wieder seine unauffällige Jacke anhaben, und er wird auf dem Rücken seinen Rucksack tragen – den Rucksack, in dem alles steckt, was er so braucht. Morgens, mittags und vor allem in der Nacht. Den er immer auf dem Rücken trägt, wenn sie ihn wieder mal erwischen.

    Mehrfach wurde Walter F. bereits verurteilt, acht Jahre seines Lebens hat er im Gefängnis verbracht. Heute steht nach fast sechs Monaten Prozess ein Mann vor dem Richter, der bereits weiß, dass es dieses Mal glimpflich für ihn ausgehen wird. Eine Geldstrafe wird es geben. Keinen Knast. Freiheit. Das bedeutet für ihn: die Freiheit, weiterzumachen. Weiter zu sprühen. Dass F. heute vermutlich nicht zum letzten Mal vor Gericht stehen wird, weiß jeder hier im Raum 0.09. Er selbst weiß das. Seine Anwälte wissen das. Der Richter und der Staatsanwalt wissen es, und die Zuhörer wissen es auch. Morgen wird das Urteil in der Zeitung stehen, zumindest als Randnotiz.

    Ein Jahr ohne Nachricht von OZ ist in Hamburg kaum vorstellbar. »Sie begehen Straftaten, um sich selbst zu bestätigen«, sagt der Richter, während er dem Angeklagten das Urteil erklärt. Jemand wie Walter F. scheint für ihn und viele andere ohne Interpretation nicht vorstellbar. Seit vielen Jahren wird versucht, ihn in schnell skizzierten Bildern dingfest zu machen. OZ ist der »Tausendfach-Sprayer« (Hamburger Morgenpost), »der Mann, der es nicht lassen kann« (stern), »der Irre, über den ganz Hamburg empört ist« (BILD-Zeitung). Seit mehr als zehn Jahren arbeiten Überschriften wie diese daran, OZ zu rahmen – damit sich die Masse der Leser kein eigenes Bild machen muss.

   40 Tagessätze à sieben Euro sind es dieses Mal geworden. Walter F. wirkt in diesem Moment, wie er so da steht mit den gefalteten Händen, scheu und einen Hauch überlegen – und das zur selben Zeit. F. ist ein Gleichzeitiger. Er steht vor dem Richter wie ein Mensch, in dem vor langer Zeit etwas zerbrochen wurde – und gleichzeitig wirkt er, als gebe es auf der ganzen Welt niemanden, der ihn brechen könnte.

 

    Walter Josef F. wird 1950 in Heidelberg geboren. Er ist ein uneheliches Kind, und er wird seine Mutter niemals kennenlernen. »Das war ja ne Schande damals, eine Todsünde«, sagt Walter F. heute, »gleich nach der Geburt haben die mich ins Säuglingsheim geschafft.« »Die«: Das sind die Verwandten und der Pfarrer, »der hat mit denen gemeinsame Sache gemacht.« Die Mutter: »Die wollte das gar nicht, die haben sie gezwungen. Ich weiß gar nicht, was sie mit ihr später getrieben haben.« F. war schon früh alleine unter vielen, abgeschoben in ein katholisches Waisenhaus, in dem er 15 Jahre lang bleiben sollte.

    »Das war so ne Art Knast«, sagt er heute, »da war ich nur ein überflüssiges Objekt. Da war immer Schikane. Wenn wir was angestellt hatten, durften wir gleich Strafarbeiten machen. Hundertmal schreiben ›Ich darf dies nicht, ich darf das nicht‹. Was anderes ist den Erziehern nicht eingefallen.« Unterstützung von Verwandten? Keine. »Die haben mich nur besucht, wenn die Oberin Druck gemacht hat. Die wollten mich am liebsten, wie sagt man, aufgelöst haben. Nicht mehr existent, ne?«

    Nicht nur ein unehelicher Bub ist er damals im erzkonservativen Nachkriegs-Süddeutschland, er hat noch dazu ein offensichtliches Handicap: Eine Gaumenspalte erschwert ihm das Sprechen. Ihn zu verstehen, muss schwer gewesen sein. Eine Caritasschwester schießt sich besonders auf ihn ein, nennt ihn »Satansbrut«. »Das war eine üble Person, eine richtige Fanatikerin. Die war auch im Dritten Reich aktiv gewesen«, erinnert sich F., »die hat immer nur rumgemeckert. Ich hab damals manchmal auf Tischen rumgekritzelt, da ist sie völlig durchgedreht. Fanatisch sauber. So musste das bei ihr sein immer, gell?« Heute muss man ihm nur aufmerksam zuhören, um ihm folgen zu können. »Ich nuschle halt ein wenig sehr«, sagt er, grinst und fügt verschmitzt hinzu: »Ein Graupapagei ist manchmal besser zu verstehen.« Die Gaumenspalte wurde mehrmals – »aber zu spät, und nicht so wirklich gut« – operiert.

»Ich glaub, die Kinder freut das«


Einer, der gerne spricht, ist Walter F. bis heute nicht. »Ich kann mich halt nicht so gut ausdrücken«, sagt er. Langsam, stockend und mit leichtem süddeutschen Akzent. So spricht er immer. Gerne hängt er ein »ne?« oder ein »ge?« an seine Sätze. Diese Sätze bleiben dann ein wenig länger vor ihm schweben, und F. nutzt die Zeit, um zu prüfen, wie viele von ihnen ankommen.

    Dann sagt er dies: »Andere Kinder wurden damals adoptiert, aber bei mir kam das ja nicht in Frage. Weil ich doch sprachbehindert war, kann man sagen. Und die Leute wollen, wenn sie Kinder adoptieren, normal aussehende Geschöpfe haben, und da sah ich etwas alt aus.« Er macht eine Pause. »Wenn ich vielleicht so nen operierten Rüssel gehabt hätte wie Michael Jackson, hätten sie mich wohl adoptiert. Dann hätte ich mehr Chancen gehabt.« Pause. »Na ja.« Wäre sein Leben dann anders verlaufen? Hat er damals die Hoffnung gehabt, durch Adoption rauszukommen aus dem Kinderheim? »Ich glaub schon«, antwortet er. »Wer adoptiert wurde, der hatte es wohl besser. Oder auch nicht, wer weiß.« 15 Jahre alt ist er, als er rauskommt. Ohne Schulabschluss. Für ihn ist das ein Schock. »Plötzlich wird man entlassen«, erinnert er sich. »Man hat ja alles vorher programmiert bekommen. Automatisch essen, automatisch alles. Da hat man nicht an sich selbst denken können. Und dann wird man entlassen und steht blöd da.«

    Radelt man heute mit F. durch Hamburg, bleibt er öfter stehen und zeigt auf Smileys, die von Wänden lächeln, oder auf Kringel an Schulgebäuden. »Keine Ahnung, wer das gemacht hat«, sagt er dann, »aber ich glaub die Kinder freut das, wenn das bunt ist.« »Draußen« soll der junge Walter damals Gärtner werden, doch die Lehre bricht er schnell ab. »Da musste man auf Kommando was machen«, sagt er heute, »da war Selbstständigkeit oder Kreativität nicht gefragt, sondern immer nur so nen Schwachsinn.« Seine Mutter war Schneiderin, das weiß er – was er gerne werden wollte? Friseur. »Aber dazu muss man ja sprechen können, ne?« Heißt: Walter F. wird niemals in seinem Leben Friseur werden. Er bricht aus.


    Anfang der 70er Jahre trampt Walter F. einige Jahre erst einmal durch Europa: Frankreich, Spanien, Portugal. Dann entdeckt er die Welt: Indien, Pakistan, Thailand, Afghanistan. Erst ist er mit einer Gruppe unterwegs, dann alleine. Und alleine ist besser. Er schläft auf der Straße und in Tempeln. Er beißt sich durch, obwohl er zu Beginn nicht einmal Englisch kann, »das habe ich erst unterwegs ein bisschen gelernt.« »Das war eine gute Zeit«, sagt er heute, »ich wollte gar nicht mehr zurückkommen.« Was er noch kennenlernt neben all dem Schönen, Faszinierenden: »Die Armut. Der Raubbau. Wie sie die Urwälder plattmachen. Die legen Orang-Utans an Ketten, Paradiesvögeln werden da lebend die Federn ausgerupft. Der Dschungel ist eine Art Paradies, kann man sagen. Aber wenn der Mensch sich breitmacht, ist Feierabend.«

    Eines seiner jüngsten Bilder, das er gerade für eine Ausstellung auf Leinwand gesprüht hat, heißt »Grüner Gott und Sonne«. Es ziert auch das Plakat der Ausstellung. »Der Gott, das ist der Amazonas«, sagt OZ, »und der Smiley in der Mitte, das ist die Sonne, die auf ihn scheint. Das Ursprüngliche, kann man sagen.« Überhaupt, die Natur: »Das hätte mir Spaß gemacht: im Amazonasgebiet Vögel zu beobachten. Ich hab da interessante Vögel gesehen. Die waren schön bunt«, sagt F., »ein Ornithologe zu sein, das hätte mir Spaß gemacht. Aber dafür braucht man ein Studium und so weiter, ne?«

    F. reist weiter. Bis 1977. Da fällt er in Indonesien in die Hände der örtlichen Polizei. »Die wollten Backschisch haben«, erinnert er sich, »und da hatte ich kein Bock drauf. Ich habe da Menschen gesehen, die halb verhungert sind, und daneben die Beamten mit ihren vollgefressenen Bäuchen.« Die Beamten ziehen seinen Reisepass ein und schieben ihn ab nach Deutschland. Seine Weltreise ist zu Ende, die Vögel werden bald wieder weniger bunt sein. Welche Erkenntnisse er mit nach Hause bringt? »Wer das Geld hat, hat die Macht. Wer das Geld hat, bestimmt das Recht«, sagt F., »das sieht man bei mir. Kein gescheiter Anwalt, und man sieht alt aus.« 

    Walter F. zieht zurück nach Stuttgart, wo er bereits vor seiner Abreise gelebt hatte. Und dort geschieht etwas, das sein Leben verändert. In der Stadt findet damals gerade der Prozess gegen die Rote Armee Fraktion statt. Eines Tages lernt er  eine Gruppe RAF-Sympathisanten kennen, die Parolen für die Gefangenen an Hauswände sprühen. Mit Farbe aus Sprühdosen. F. ist wie elektrisiert. »Da habe ich erfahren, dass es überhaupt solche Dosen gibt. Vorher habe ich mit Kugelschreiber und Bleistift rumgemacht«, erinnert er sich. Dann sprüht er zum ersten Mal selbst: »›Es lebe die RAF‹ und so was habe ich gemacht«, sagt er. Was ihm daran gefallen hat? »Dass man sich damit ausdrücken konnte.« F. sprüht weiter. In Stuttgart. Später in Mannheim. Dann, Mitte der 80er Jahre, hat er eine Idee: Er will nach Dänemark. In die Kopenhagener Freistadt Christiania. Doch er kommt nur bis Flensburg. Dort steht er 1986 zum ersten Mal wegen Sachbeschädigung vor Gericht. Anfang der 90er Jahre kommt Walter F. nach Hamburg.


    Zeitsprung. 1998. Sechs Jahre ist Walter F. inzwischen in der Stadt, da passiert zweierlei: Es gibt wieder einmal einen Prozess gegen ihn – und er gerät erstmals ins Brennglas der Boulevardpresse: »Hamburgs schlimmster Schmierer Sprayer-Opa«, titelt die Morgenpost, »der Schmierfink ist Sozialhifeempfänger, hat keine Mark in der Tasche«, hetzt die BILD-Zeitung.

    1998 wird Walter F. zu zwei Jahren Haft verurteilt. Wegen 51 nachgewiesener Sprühereien. Wegen eines Sachschadens von 500.000 Mark. Wegen 120.000 Tags, die der damals 48-Jährige gesprüht haben soll. Ende 1998 macht die Boulevardpresse aus Walter Josef F. »OZ«. Vorher: der OZ-Sprayer. Ab jetzt: »OZ sprüht«. Ab jetzt vervielfältigt F. sich selbst, wenn er OZ an Häuserwände malt. Ab jetzt geht es immer auch um seine Person. Ab jetzt sind Tat und Täter eins. Oder Kunst und Künstler. Je nachdem, auf welcher Seite man steht.

   Was das heißen soll, OZ? Das wird Walter F. in den folgenden Jahren immer wieder gefragt. Einmal schreibt die Presse, es heiße eigentlich »Oli«. »Da hat mich die BILD nach einem Prozess mal angelabert und gefragt, ob das ›Oli‹ heißt«, erinnert sich F., »da hab ich denen gesagt: Wenn ihr meint, das heißt ‚Oli’, dann heißt das eben ›Oli‹. Ihr habt doch eh immer Recht.« OZ könnte aber auch eine Abkürzung sein. Von Ozean zum Beispiel. Oder von Ozelot. Eigentlich jedoch sei das eine Abkürzung von »Zadoz«. »Ich weiß gar nicht, wie ich drauf gekommen bin«, sagt OZ, »aber der Name ist irgendwie interessant. Aber auch zu lang, wenn man so viele Buchstaben machen muss. Deswegen habe ich OZ draus gemacht, ne? Da kann man schneller rumsauen, wie die Saubermänner das sagen.« Mit dem berühmten Musical und Film habe das alles nichts zu tun. »Der Film ist lustig und bunt«, sagt F., »aber ich bin ja kein Zauberer. Wäre ich einer, könnte ich doch meine Feinde besser austricksen. Den Schergen von der Hochbahn mal eine rote Pappnase überziehen oder so.« Soll heißen: Was OZ bedeutet, ist eigentlich egal. Oder es soll niemand wissen. Wenn Walter F. nichts sagen und dabei niemanden verärgern will, macht er gerne einen Witz. Auch eine Strategie. 

»Die wollten mich unschädlich machen«


Der Justiz ist Ende der 90er Jahre erst einmal wichtig, wer die vielen Zeichen sprüht. Sogar die Bahnpolizei spricht davon, dass das kein Einzeltäter sein könne. »Die haben sogar meinen Schriftzug untersuchen lassen«, erinnert sich F., »der ist irgendwie so markant, dass sie feststellen können, ob er von mir ist.« Noch mehr Experten sollen klären, ob Walter F. überhaupt für seine Taten verantwortlich ist. Es beginnt die Zeit der psychologischen Gutachten und Fremdzuschreibungen. Ein Psychiater attestiert ihm »Minderbegabung« und eine »Beziehungsstörung«, seine Taten seien ein »psychologischer Aufschrei«. Ein anderer Pychiater: »Aufgrund seines schweren Schicksals neigt Herr F. dazu, sich in Dinge hineinzusteigern. Er fühlt sich leicht abgelehnt und verfolgt.« Ein weiterer Gutachter diagnostiziert, die Hirnströme des Walter F. seien im Vergleich zu denen anderer Menschen extrem langsam. F. leide unter einer krankhaften Hirnschädigung, die bislang nicht entdeckt worden sei. Sein Fazit: Der Sprüher sei vermindert schuldfähig. Und ein Wiederholungstäter: »Er sprüht, um der Welt zu zeigen, dass er da ist.« »Bei Ihnen ist Hopfen und Malz verloren«, erklärt bereits 1998 ein Richter. »Sie werden hohnlachend weitermachen.«

    »Dass der Mann weitersprühen kann, halte ich für einen unerträglichen Zustand«, sagt der damalige Hamburger Oberstaatsanwalt, nachdem F.s Anwälte Berufung eingelegt haben. Die BILD-Zeitung fragt zur selben Zeit rhetorisch: »Wie gestört ist dieser Mann?«, und Verlagskollegen der WELT erweitern den Fokus auf die generelle Nutzlosigkeit seiner Existenz: »F. ist noch nie in seinem Leben einer geregelten Arbeit nachgegangen«, steht dort zu lesen, »seit zehn Jahren wird die Wohnung und eine Therapie vom Staat bezahlt.« Der Mensch »OZ« ist laut Springer-Presse krank, kriminell, kostenintensiv. 

    »Das mit der psychiatrischen Untersuchung, das hätte ich nie machen sollen«, sagt F. heute. »Wahrscheints wollten die mich unschädlich machen. Früher haben sie die Leute umgebracht, heute schickt man sie in die Psychiatrie, ne? Wenn es nach denen gegangen wäre, wäre ich heute tote Hose. Und dann gab es noch die Leute, die sich vor der Bevölkerung profilieren und Liebkind machen wollten.«

   Die Gutachten fallen damals auch bei Politikern auf fruchtbaren Boden. Ulrich Karpen, rechtspolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion und Vorsitzender des Rechtsausschusses der Bürgerschaft, sagt 1999 zum Beispiel dem Hamburger Abendblatt: »Ich plädiere dafür, [OZ] zur psychiatrischen Beobachtung in das Krankenhaus Ochsenzoll einzuweisen. Wenn er unzurechnungsfähig ist, kann er dort vielleicht auch länger aufgenommen werden. OZ ist so auffällig, dass ich annehme, dass er nicht gesund ist.« Im selben Zeitungsartikel sekundiert Ronald Schill, der spätere Rechtspopulist und Innensenator – damals noch Amtsrichter: »Es ist verheerend, wenn eine Gesellschaft mit ansehen muss, wie eine Stadt von einem solchen Mann verschandelt wird.« Zwei Monate später wird OZ fast zu Tode geprügelt. Ein Mensch, der lächelnde Gesichter auf Wände malt.

    Die einzige Selbstbeschreibung des Walter F. während der Prozesse, von der damals zu lesen ist: »Ich bin Jude.« Er schreibt es auf Schilder, die er im Gerichtssaal hochhält, er schreit es Polizisten und Mitarbeitern der Bahnwachen entgegen: »Nazis!«, »Braune Schergen!«, »Die Bahn hat die Juden zur Vergasung transportiert!« Zu einem Gerichtstermin bastelt er ein Pappschild, auf das er »Ich OZ« malt – und in das »O« ein »K«: »Ich KZ« also. Ein Gutachter schreibt: »F. hat aufgrund seines schweren Schicksals nie das Gefühl entwickelt, erwünscht zu sein. Er sieht sich einer Faschistenmentalität gegenüber, die ihn vernichten will.« »Ich hab mir schon was dabei gedacht“, sagt F. heute. »Ich habe mich bei der ganzen Hetze und Verfolgung als Jude gefühlt. Mit den Juden können die Saubernazis es heute ja nicht mehr so machen, was sie damals gemacht haben. Dafür haben sie die Sprüher oder andere, die anders sind. Auf die sie Jagd machen können. Nicht so krass wie damals, aber doch ähnlich.« »Ich Jude« bedeutet übersetzt: »Seht her, ich werde verfolgt.« Und das beruht auf schmerzhaften Erfahrungen. »Die haben mich nicht nur einmal brutal zusammengeschlagen. Und einen deutschen Schäferhund auf mich gehetzt. Und die haben gerufen, diese Schergen, dass mal wieder richtig aufgeräumt wird. Dass das Vierte Reich kommen wird. Und haben den Hitlergruß gezeigt.« »Die«: Das sind Polizeibeamte und Mitarbeiter der Hochbahn. »›Die haben dich bei Adolf vergessen‹, haben die zu mir gesagt, ›da würdest du Missgeburt gar nicht existieren.‹ Und am liebsten würden die mich endgültig unschädlich machen. Am besten noch mit einer Giftspritze, ne?« Wenn Walter F. solche Sätze sagt, sprühen seine Augen keine Funken, auch erhebt er die Stimme nicht.


    Am 1. Oktober 1999 schlagen zwei Mitarbeiter der S-Bahn-Wache OZ am Bahnhof Holstenstraße krankenhausreif. Er hatte weder gesprüht noch eine Dose in der Hand. »Zwei Wachleute kamen mit dem schmächtigen Mann aus dem Zug, hatten ihm die Hände auf den Rücken gedreht. Sie brachten ihn zum Aufsichtsbüro. Sofort wurde darin das Licht gedimmt. Ich hörte ihn schreien, wimmern und stöhnen. Und ein Klatschen, als wenn jemand geschlagen wird«, berichtet damals eine Zeugin der Hamburger Morgenpost. Die Bahn und der Bundesgrenzschutz widersprechen: Es seien keine Wachen vor Ort gewesen.

    Die Morgenpost weiter: »Die Verletzungen von ›Oz‹ beweisen: Jemand hat ihn brutal misshandelt. Die MOPO besuchte ihn in der Klinik. An der Stirn hat er eine Platzwunde. Arme und Beine sind von grün-blauen Blutergüssen übersät. Auf der Schulter sind Striemen. Am rechten Schienbein ist eine offene Wunde. F.: ›Ich sollte ›Heil Hitler‹ sagen. Sie haben mich zu Boden geschmissen, mit einem Knüppel geschlagen. Das sind Nazis, Verbrecher in Uniform.‹« »Sie sagten: ›Nimm sofort den Arm hoch und sag’ ›Sieg Heil‹, sonst schlagen wir dir die Fresse breit‹«, sagt eine Zeugin der tageszeitung.

   »Die haben versucht, mich plattzumachen. Die haben mir immer wieder aufn Kopf gehauen. Hätte ich nicht die Arme gehoben, die hätten mir den Schädel eingeschlagen, ne«, sagt Walter F. heute. Drei Tage nach dem Übergriff werden zwei Wachleute beurlaubt, die sich am S-Bahnhof befunden haben sollen. Ronald Schill, der zu dieser Zeit eine Fernsehsendung bei RTL hat, sagt: »Ich habe mit mehreren Menschen gesprochen, und keiner konnte eine gewisse Schadenfreude verbergen. Das partielle Versagen der Justiz fordert Selbstjustiz also geradezu heraus.«

    Die BILD-Zeitung schweigt zu den Vorfällen. Als einen Monat später ein Prozess gegen Walter F. weitergeht, titelt sie »Wann wird dieser Mann endlich eingesperrt?«.

    Erst im Februar 2002, mehr als zwei Jahre nach den Misshandlungen, wird ein Urteil gefällt. »Bewährungsstrafen wegen gefährlicher Körperverletzung, lautet das Urteil des Schöffengerichts Altona«, schreibt das Hamburger Abendblatt: »anderthalb Jahre für Björn M. (28), ein Jahr und zwei Monate für René T. (31). ›Man werde den Gedanken nicht los‹, formuliert der Amtsrichter deutlich, ›dass den Angeklagten nicht einfach die ›Sicherungen durchgebrannt sind‹, sondern dass ihr Vorgehen gegen F. eher eine Bestrafungsaktion gewesen ist. Sie haben ihn grün und blau geschlagen, das war heftig.‹« F., der während des Prozesses aus der Strafhaft in Handschellen vorgeführt wird und nur in Fußfesseln Platz nehmen darf, bekommt ein Schmerzensgeld.

    Die BILD schweigt zu dem Urteil. Kurz darauf alarmiert das Blatt seine Leser: »Graffiti-Schmierer: Jetzt töten sie unsere Bäume!«


    Die Boulevard-Berichterstattung 1998 und der Übergriff der S-Bahn-Wache 1999 sind die entscheidenden Impulse für vieles, was danach geschieht. Diese beiden Jahre haben OZ erst erschaffen. »Das war eine Treibjagd auf mich damals«, erinnert sich Walter F. – »das hatte ein wenig Ähnlichkeiten wie unter dem Adolf. Zwar nicht so krass ... aber wenn die könnten ... diese Biedermänner. Das muss man doch kontern.« Seitdem gilt für OZ: er gegen die. Gegen die Hochbahnwachen, die Polizei. Gegen die »braunen Schergen«, die ihn stoppen wollen. Gegen die »Saubernazis« und ihre Medien. »Ich wollte aufhören, nachdem sie mich zusammengeschlagen haben«, sagt F., »doch diese Hetze war auch ein Antrieb. Da habe ich mir gedacht ›Euch werde ich’s zeigen. Ihr macht mich nicht platt‹. Von dieser Schmierpresse lasse ich mich nicht korrumpieren. Das sehe ich gar nicht ein, dass die mir ihre Denkweise aufzwingen. Die wollen mich programmieren. Aber wie sagt man: Fuck the norm!«

    Er sagt nicht »uns«, sondern »mich«: Der Kampf ist persönlich und politisch zugleich. Gegen Graffiti zu sein, »ist eine politische Aussage«, fährt er fort. »Die haben zu mir so oft gesagt: Wir werden Deutschland eines Tages wieder sauber machen. Ohne Rumgeschmiere und dergleichen. Das ist für mich ne Aufforderung, etwas dagegen zu tun. Man kann schon sauber sein, aber das ist krankhaft. Das hat mit Sauberkeit nichts mehr zu tun. Ihre Wände machen sie sauber, aber den Müll im Gestrüpp lassen sie liegen, ne? Das passt doch nicht zusammen.«

»Von außen sauber, von innen verkommen«


Fährt man mit Walter F. durch die Stadt, sieht er überall Verlorenes, Vergangenes, Vernichtetes. »Da waren mal schöne Bilder«, sagt er dann und deutet auf eine dunkelgraue Wand an einem Kanal, die übersät ist mit beigen Rechtecken. Eine Straße weiter ein Klinkerbau mit hellen Flecken. Ein Fingerzeig auf eine Hochbahn-Brücke: »Hier haben sie auch alles ausgerottet.« Oder: »Schau. Da waren mal schöne Bilder. Die haben sie weggemacht, danach kamen dann welche und haben nur rumgeschmiert. Das haben sie dann drangelassen. Damit die Leute denken: Graffiti: Ist nur Sauerei.«

    Radelt man mit OZ durch die Stadt, sieht man wie er: überall Grau oder Wieder-Graugemachtes. Und man scheitert im Kopf bei einer Rechnung, wie viele Menschen und wie viel Geld es kostet, all das grau zu streichen. Wie viel Energie. Wie manisch das alles ist. Und warum grauscheckige Wände hübscher sein sollen als bunte. »Es dreht sich nicht um Sauberkeit«, sagt OZ, »es muss alles der Norm entsprechen. Nazinorm. Sauberkeit und steril. Damals war ja auch alles mehr oder weniger picobello sauber. Auf der anderen Seite, wie sagt man: von außen sauber, von innen verkommen. Es gibt welche von denen, die wollen mich lieber heute als morgen tot sehen. Nur ein toter Sprüher ist ein guter Sprüher. Das ist schon pervers, kann man sagen.«

    Was er wolle? »Ich will Vielfalt statt einfältig, grau und monoton. Wenn man nicht kontert, dann ist es nur noch grau. Ich mag halt lieber die Wände bunt anstatt wehrmachtgrau. Das ist auch mein Antrieb. Oder diese Werbefuzzis. Die tun auch nichts anderes als die ganze Stadt in Anspruch nehmen, ne? Warum können die Sprüher das nicht? Da reden sie nicht von Verschandlung, wenn sie ihre riesigen Plakate über Häuserwände ziehen. Die Werbung, das ist für mich auch ne Art Faschismus mit immer wieder diesen schönen Menschen auf den Plakaten. Wenn da ein Graffiti dran ist, werden die Leute abgelenkt. Also muss alles sauber sein, völlig fanatisch graffitifrei. Die Leute sollen nicht abgelenkt werden von Leuten, die anders drauf sind. Die sollen alle gleichgeschaltet werden.«

    Walter F. nimmt einen Schluck aus einer Plastikflasche, die er aus seinem Rucksack geholt hat. So viel redet er selten. Er wirkt, als würde er gerne in einem Satz oder gar einem Wort sagen können, um was es geht. »Bunt« – vielleicht trifft es das bereits. Mit allem, das in dem Wort vor sich geht. Dazu der Satz: »Manche Wände haben es bitter nötig.«


    Bereits Ende 1999 – Ronald Schill fordert gerade lebenslange Haft für F., »ohne Bewährung, versteht sich!« – wird in einem Gericht zum ersten Mal die Frage gestellt, ob das, was OZ in der Stadt anstellt, Kunst sein könnte – oder vielmehr: Sie wird beantwortet. »›Wenn Sie Bilder malen würden‹«, zitiert das Abendblatt den Richter, »›aber diese Sprayereien, das ist nicht schön, das ist nix. Mit Kunst hat das nichts zu tun. Warum malen Sie nicht mal ein schönes Bild?‹ Walter F. senkt seinen Kopf, seufzt: ›Ein Bild ist schwieriger.‹ Der Vorsitzende: ›Warum hören Sie nicht einfach auf mit dem Sprayen?‹ ›Dann würde ich meine Seele verkaufen‹, sagt Walter F.«

    Nicht nur die Frage des Richters sagt viel aus, auch mit dieser Antwort ist viel gesagt. Viel über F. und seine Motive. Und viel darüber, wie das folgende Jahrzehnt verlaufen wird. Viele Jahre davon hat F. hinter Gittern verbracht. Und wenn er draußen war, sprühte er weiter, während die Berichterstattung eskalierte und der Verfolgungsdruck sowie deren Brutalität immer mehr zunahm: »Das ist doch zum OZen!« (BILD), »Ein Mann hält eine Stadt zum Narren« (Hamburger Morgenpost), »Endlich im Knast! Tschüs, Schmierfink! Versuch doch mal, diese vier Wände zu bepinseln!« (BILD).

    »Schau. Das ist die Stelle, wo mich die Bullen vom Rad gerammt haben«, sagt Walter F. vor einem Klinkerbau. »Die kamen plötzlich von überall. Und die hätten mich einfach festhalten können«, spricht er weiter und fährt sich dabei durch die Haare, »aber die haben mich so arg gestoßen, dass ich mit dem Kopf auf das Plaster geknallt bin. Ich war bewusstlos, und als ich wieder aufgewacht bin, war da ein Krankenwagen und überall Blut.« Das war 2011. Walter F. war damals bereits 61 Jahre alt. Im selben Jahr fand die zweite große »OZ“-Ausstellung statt.

»Mir ist es egal, ob ich Künstler bin«


Die Frage, ob die Arbeiten von Walter F. nun Kunst seien, ist in den vergangenen Jahren ein wenig mehr in den Vordergrund gerückt – auch durch die Strategie seiner Anwälte, mit der Freiheit der Kunst zu argumentieren. »Heute ist es Kunst, gestern war es Schmiererei, ne?«, sagt Walter F. dazu knapp – wie er gerne als erste Antwort auf eine Frage etwas Kurzes, Abwiegelndes sagt. Konkreter wird er auf Nachfrage. Manchmal nimmt er aber auch erst einmal Reißaus in die Richtung eines Themas, das ihm mehr liegt: »Für mich ist das ein bunter Farbfleck. Und ein bunter Farbfleck ist schon mal aussagekräftiger als grau geschissen«, sagt er dann und schlägt noch ein paar Haken: »Normalerweise bräuchte man gar nicht so viel zu sprühen. Aber die Stadt wird irgendwie immer grauer. Und steriler, ne? Vor 20 Jahren, da habe ich noch große, bunte Schmetterlinge in Eppendorf gesehen. Dann haben sie die ganzen Büsche weggemacht, und dann sind die spurlos verschwunden.« Und konkret? Ist das Kunst? »Und ich Künstler? Ja, das ist die Frage. Jedenfalls gibt es genügend Leute, die anderer Meinung sind«, sagt F., und: »Mir ist es egal, ob ich Künstler bin oder ob ich kein Künstler bin. Ist mir schnuppe.« Was er dann sei? »Stadtgestalter«, hat er früher mal geantwortet, jetzt sagt er »vielleicht ein künstlerischer Schmierfink« und lächelt. »Man will ja die Stadt auch ein bisschen mitgestalten. Und zwar nicht wie die Stadt Hamburg. Die ist zwar auch kreativ. In Wilhelmsburg oder in Barmbek. Aber wenn du mal kreativ bist, dann dreht sie durch.«


    Auf der kleinen Radtour durch seinen Stadtteil zeigt F. immer wieder auf Streetart und erklärt, von welchem Sprüher die Bilder stammen. Es gibt in der Hamburger Szene niemanden, der älter ist als er. Und viele Jüngere bewundern ihn aus vielen Gründen. Bei einem Prozesstermin haben sie sogar mal ein Plakat gemalt, auf dem stand »Hamburg ohne OZ ist München«. Er kennt viele von ihnen persönlich, »aber das ist doch eine andere Welt.«

    Überhaupt, Street Art: »Diesen Banksy, den mögen die Leute ja anscheinds«, sagt OZ, »seine Figuren können sie wohl etwas besser begreifen. Dass das politisch ist, ne. Bei mir ist das ja auch so, aber auf ’ne andre Art.« Doch während Banksy unerkannt durch die Stadt laufen könne, sei das bei ihm schon schwieriger. »Wenn man zu bekannt wird, das Gesicht, dann ist das auch nichts«, sagt F. Und sowieso: Dass die Hochbahn seine Smileys unter Plexiglas schützen könnte wie es mit Werken von Banksy geschieht – äußerst unwahrscheinlich. »Und wenn, dann nicht, weil sie überzeugt sind, sondern weil es damit irgendwie Geld zu machen gibt. Weil es Touristen anlockt oder sonst was«, sagt F., »ganz bestimmt nicht weil sie mit einem Mal farbfreundlich geworden sind.«

    Immerhin, in Galerien stellt er nun aus. Malt auf Leinwand. Und seine Bilder haben Namen. »Seid umschlungen« heißen die neuesten Werke, »Kreative, farbige, ursprüngliche Natur«, »Keine Kapitulation« oder »Der Mond schien hell«. Daneben stehen Preise: 1.800 Euro, 2.800 Euro, 3.800 Euro. Im ausgelegten Gästebuch steht mit Kugelschreiber »Wir lieben dich«, »Halte Hamburg bunt!«, »OZ, sei unsterblich!«. Oder länger: »Danke OZ, dass zwei Buchstaben dafür sorgen, dass ich mich zu Hause fühle, wenn ich in diese Stadt zurückkomme.« Oder kürzer: »Walter, bleib fit.«

    Gelesen hat er das selbst nicht. Das Ganze mache er nur für seine Unterstützer, damit die Geld für seinen Anwalt sammeln können. »Ich male lieber draußen rum statt auf so ner Leinwand da. Ich suche mir meine Stellen selbst aus und nicht so nach Vorschrift«, sagt er. »Das ist doch ein Unterschied. Ob ich selbstständig was machen kann oder nach Vorschrift. ›Du malst da hin und nicht da‹ – obwohl es da nötiger wäre. Wenn man sich die Wände selbst aussuchen kann, ist das ganz anders. Und nicht so auf Kommando. Das ist ein Unterschied.«

    Durch die Fenster der Galerie ist eine Bahnstrecke zu sehen. Davor stehen zwei Verteilerkästen. Links drauf: ein Smiley. Rechts: OZ. Anfang kommenden Jahres wird es wieder einen Prozess geben am Amtsgericht St. Georg. Der Richter wird derselbe sein. Bis dahin wird Walter F. bestimmt noch öfter eine Radtour machen. »Die Stadt wird immer steriler, finde ich«, sagt er. »In der Neustadt, da wollen sie jetzt die Künstler und so in ein paar Häuser platzieren«, spricht er weiter und meint damit das Hamburger Gängeviertel, ein 2009 von Künstlern vor dem Abriss gerettetes Quartier, das derzeit saniert wird. »Da sind sie dann alle zusammen, ne? So nach dem Motto ›Da könnt ihr euch austoben, aber woanders bitte nicht‹. Das sehe ich gar nicht ein. Die Stadt gehört allen.«

Sven Stillich

Dieser Text ist dem Buch »Free OZ! Streetart zwischen Revolte, Repression und Kommerz« entnommen.
Er ist unverändert.